…and all the rest.
by me
Wie so oft erweist sich eine theoretisch gute Idee (Geburtstagsmarathon/Sozialismus) als praktisch schwierig (Erschöpfungszustand/DDR). Was nicht heisst, dass es nicht funktioniert hätte! Hat es! Jeder Abend/Nachmittag/Mittag war einzigartig und wunderbar. Wieder einmal habe ich mir selbst gratuliert, was für grossartige Menschen ich im Laufe meines Lebens um mich versammelt habe. Trotzdem war es anstrengend. Weihnachten stand vor der Tür & das hatten wir alle unterschätzt. Vorallem die versprochene Berichterstattung war einfach nicht mehr drin. Ein paar Termine hab ich gar nicht mehr geschafft: erst wurde ich krank. Dann wurden die Gastgeber krank. Einer zog um. Eine andere aus.
Trotzdem schulde ich der Dokumentation -und vor allem meinen Gastgebern- die, wenn auch im Vergleich zu den ersten beiden etwas kürzer abgehandelten, Reports der Events. Diesmal am Stück:
13.12.2011/ Pia/ Essen im Bungalow
Pia überrascht mich. Weil sie ja gerne so tut, als würde sie kochmässig nichts hinkriegen & dann einen Lachs in einem Bananenblatt pochiert, was ich, die ich gerne so tue, als würde ich kochmässig alles hinkriegen, nie hinkriegen würde. Es wird ein netter Abend, der erste eigentlich, der rein sozial und nicht irgendwie geschäftlich ist & und es gibt sogar Champagner! Wir reden auch nicht nur über unsere Katzen und nicht nur über das böse, ungerechte Filmbusiness, sondern über Gott, die Welt und vieles dazwischen. Der Lachs liegt auf einem Bett von Tomaten und Avocado und ist zart wie Butter und ich denke, dass ich das vielleicht auch mal hinkriegen könnte. Bis auf die Sache mit dem Bananenblatt.
14.12.2011/Andrea & Florian/ Steaks in The Grill
Andrea und Florian tun sich zusammen, was in den Regeln ja ausdrücklich -und wegen der beiden- erlaubt war. The Grill ist ein eigentlich komisches Yuppielokal, in das ich schon immer mal wollte, in das Andrea als 99% Vegetarierin mir zu Liebe mitgeht, und das Florian mir zu Liebe ausgesucht hat. Und: I LOVE IT. Die beiden sind nicht umsonst meine fast-ältesten Freunde: sie kaufen mir ein Filetsteak und schenken mir eine wirklich wunderschöne Preziose der Porzellanmanufaktur Nymphenburg. Wir reden heute auch nicht über Sorgen und Nöte oder ärgern uns. Wir reden nicht davon, dass Facebook die Weltherrschaft will und die langweilige Krise um die Ecke ist, sondern wir kichern über die verklemmte Weihnachtsfeier am Nebentisch, erinnern uns an unsere gemeinsamen Lieblingsurlaube und freuen uns: über das köstliche Essen. Süss-saures Kürbisgemüse! Basilikumsorbet! (Und Andrea isst tapfer & klaglos den gegrillten Kürbis.) Really: I love you guys!
18.12.2011/ Ursi/ Kaffee und Kuchen im Grunewald
Ursi tut geheimnisvoll, sagt “wir gehen in den Wald!” und bestellt mich zu einer entlegenen S-Bahn Station irgendwo in Berlin. Es regnet. Ich bin in Sorge um die guten Lederschuhe und meine bekanntermassen kaum vorhandene Kondition. Ursi lacht mich natürlich aus: Ich kenn dich doch! Was denkst du denn? Also machen wir einen kleinen, düsteren Berlinspaziergang auf einen Schuttberg (“da drüben hat der KGB die Stasi abgehört”) & dann gibt es Blüten-Tee, königliche Patisserie aus der Galarie Lafayette & Prosecco in der warmen Wohnung. Ausserdem hat Ursi ein Memory unserer gemeinsamen Vergangenheit gebastelt (was offenbar nicht ganz einfach war und gescheiterte Experimente mit Kartoffeldruck und Stencils erforderte): wir kennen uns seit 30 Jahren. Da waren wir beide 10. Wir haben gemeinsame Geschichte. Während wir das Memory spielen muss einmal ich fast weinen, einmal Ursi. Das Memory gewinnt sie am Ende, aber nur, weil ich zu gerührt und zu betrunken bin, um mir alles zu merken.
18.12.2011/ Ina/ Abendessen in der UnsichtBar
Ina macht sich, wie immer, einen riesen Kopf. Sie will mich zu etwas einladen, was besonders ist, aber nicht cool, eher so uncool, das es schon wieder cool ist. Ich finde das sehr kompliziert, aber offensichtlich ist es ihr Ernst. Es bleibt nämlich ein Geheimnis. Wir treffen uns in einer Bar, wo natürlich um halb acht noch niemand ist, bestellen uns zum Vorglühen einen Gin Tonic, der zu 90% aus Gin besteht und mir fast die Sicherungen rausglüht. Danach gehen wir: in die UnsichBar- Berlin erstes (und hoffentlich letztes) Dunkelrestaurant! Ina erklärt mir nochmal ihr cool-uncool-Konzept, das ich nach dem Gin überhaupt nicht mehr verstehe und dass ich ausserdem über den Haufen werfe, weil ich nämlich leider schon mal im Dunkeln gegessen habe. Im Gegensatz zu Ina. Die war so beschäftigt mit ihrem Konzept, dass sie vergessen hatte, sich zu überlegen, wie SIE das finden wird. So ganz im Dunklen essen, bedient von blinden Kellnern. Dann sitzen wir, wenig später, im Stockdunklen und: Ina flippt aus. Was ich wiederum super lustig finde (immer noch wegen des Gins). Unsere Kellnerin heisst Sandy, ist natürlich blind und serviert uns ein echt ekliges Essen, das wir zum Glück ja nicht sehen. Wir essen mit den Fingern (geht wirklich nicht anders!), im Salat sind Dosenmandarinen und was wir für Thunfisch halten ist am Ende geräucherter Gänseschinken. Irgendwann bin ich nicht mehr betrunken, Ina hat sich ans Dunkel gewöhnt und wir fangen an zu kichern. Und uns grossartig zu unterhalten. Wir sind dann auch die letzten Gäste, um uns rum räumen die Blinden die Tische ab dann interviewt Ina, die alte Dokumentarfilmerin, noch die blinde Sandy zu ihren (miesen!) Arbeitsbedingungen und Lebensträumen (Bürojob). Am Ende hatten wir einen wirklich speziellen Abend und jetzt, endlich, begreife ich das Konzept.
Foto gibt es keines. War ja dunkel.
19.12.2011/ Mona/ Monas Tafelspitz
Mit Mona feiere ich in meinen tatsächlichen Geburtstag hinein. Und ausnahmsweise ändern wir das Konzept des Geburtstgasmarathons: ich wünsche mir was. Denn ganz ehrlich, ich kann nicht mehr so richtig. Ich wünsche mir jetzt einen Abend wie früher, wo ich am Küchentisch sitzen darf und Mona beim Kochen zuschaue. Niemand macht das nämlich so meditativ, sorgfältig und liebevoll wie sie. Ich wünsche mir mein Lieblingsessen: Tafelspitz. Mit Kartoffelbrei und Meerettichsosse und Karotten. Und den kriege ich. Ich sitze glücklich und warm bei Mona in der Küche, schaue ihr zu, wie sie kocht und erzählt und mir alkoholfreie Getränke nachschenkt. Wir lachen und reden und plötzlich ist es 12 Uhr und ich bin 40 geworden. Bei Mona in der Küche. Wir stossen mit Prosecco an und dann ich bekomme einen Berg Geschenke:
es ist der beste denkbare Ort um 40 zu werden.
22.12.2011/ Hansi/ Lunch in der Käfer Schänke
Hansi lädt mich zu Käfer ein, er ist ja ein Mann von Welt und mit niemanden kann man sich an so einem Ort besser sehen lassen. Käfer finden wir natürlich beide toll, weil Käfer ist Old School. Da ist nix mit Nouvelle Cuisne oder Molekular-Quatsch, da wird kein ausgestorbenes Wurzelgemüse wiederbelebt, sondern der Hummer lebend in den Topf geworfen. Und zwar wahrscheinlich täglich kiloweise. Alle sind nett und zuvorkommend und superreich. Wir heute auch. Wir bekommen einen besonderen Platz, ganz hinten an der Wand in einer Nische, “unser Loriotsofa”, wie die Kellnerin sagt. Ich nehme (die Dame, natürlich!) darauf Platz und habe die Tischplatte nun auf Schulterhöhe. Sofort reicht man mir ein Kissen. Dann kommt die Karte: Trüffel, Kaviar, Gänseleber, Filet Mignon, Wachteleier. Hansi nimmt zum Entreé den halben Hummer, ich die gebratene Foie Gras. Danach teilen wir uns eine ganze Barbarie Ente, die in zwei Gängen serviert wird: erst Brust und Flügel mit Rösti und Rotkraut, danach die Keulen mit Feldsalat. Ich muss mich sehr beherrschen, nicht dauernd alles mit dem Handy zu fotografieren. Nach zwei Stunden fühlen wir uns wie zwei fette, satte und sehr reiche Katzen in der warmen Nachmittagssonne. Wir beschliessen, das jetzt wöchentlich zu machen, solange, bis die Kellnerin uns duzt und auf dem Loriotsofa-Platz ein Stammtisch-Schild steht. Dann muss der arme Hansi zahlen, was er tapfer und mit aller Contenance tut- er ist ja ein Mann von Welt.
…to be continued mit: Thomas, Kristina, Tanja, Hannah fehlen noch.





