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Der Pferdefilm

by me

ostwindDie Produzentin fragt, wie wir es fänden, einen Pferdefilm zu machen. Sie fragt das schon ein bisschen so, als sei die Frage eigentlich absurd. Und wir reagieren auch so: Wie bitte? Erst eine Teenie-Romanze und dann..ernsthaft?..ein Pferdefilm?! Wir sind fast empört, als hätte sie bezweifelt, dass man auch zu tiefschürfenden, erwachsenen Dramen fähig ist!

Doch dann ist es genau das: die Herausforderung, diesem abgeschmackten Ponyhof-Genre einen echten Pferdefilm abzuringen. Die archaische Geschichte vom Mädchen und seinem Pferd. Die man irgendwie kennt, ohne genau zu wissen, wie sie geht. Das ist immer das Schwierigste: eine Geschichte zu erfinden, die jeder schon zu kennen glaubt. Wehe, sie ist anders! Und wehe, sie ist vorhersehbar! Und es wird eine Herausforderung. Eine Hauptfigur ist gerade mal 13. Und die andere kann nicht sprechen.

Der Pferdefilm wird dann tatsächlich zur härtsten Prüfung meines noch kurzen Autorenlebens. Das erste Treatment kostet uns neun Wochen & schreckliche Selbstzweifel, und zwei Jahre und elf Monate später, wenige Tage vor Drehbeginn, beschliesse ich, dass das mein letztes Drehbuch gewesen sein wird. Ich mach das nicht mehr. Ich werde aussteigen, aufs Land ziehen, Ziegen kaufen, vielleicht ein Schwein… – wobei ich das ja liebgewinnen und also nicht mehr schlachten könnte. Und vor Ziegen fürchte ich mich eigentlich ein bisschen, mit ihren ausdruckslosen Rechteckpupillen. Und dann sitze ich da, in meiner Zirbelstube, das Schwein auf dem Schoss, und trau mich nicht raus wegen der Ziegen. Und so erwache ich unsanft aus dem Austeigertraum. Also doch in der Stadt bleiben, weiter schreiben. Bleibt abzuwarten, was als nächstes kommt. Vielleicht ein tiefschürfendes, erwachsenes Drama? Das dürfte demnach ja ein Spaziergang werden…

Nachtrag:
Jetzt ist der der Film fertig. Und hier die Antwort auf die Frage, die der Drehbuchautor am meisten fürchtet, weil er sie am wenigsten beantworten kann:
ist der Film so, wie du ihn dir vorgestellt hast? Sie lautet natürlich: Nein. Also haben sie viel verändert? Rausgeschnitten! Umgeschrieben? Nein. Die Geschichte ist so, wie sie im Buch steht. Die Figuren sagen (fast immer) das, was da geschrieben stand. Es fehlen ein paar Sachen, eine Szene ist dazugekommen. Manches hätte ich mir anders gewünscht, anderes ist viel besser als in meiner Vorstellung. Aber im Großen und Ganzen: alles wie im Buch.

Und trotzdem ist es nicht, nicht mal im Ansatz, “wie ich es mir vorgestellt habe”. Ein Drehbuch, und das ist eine harte Lektion, ist eben kein Werk für sich, sondern etwas Flüchtiges: ist der Film fertig, hat es sich aufgelöst. Meine Vorstellung ist da völlig machtlos. Sie wird ersetzt durch die Tatsachen des Films, und schon nach wenigen Tagen weiss ich selber nicht mehr, was ich mir vorgestellt hatte. Das ist vielleicht auch der Grund, warum in diesem Geschäft Autoren so ungleich viel weniger Respekt erfahren als im Theater: im Theater kommen und gehen die Inszenierungen, die Regisseure, nichts bleibt – ausser dem Buch. Beim Film ist es genau umgekehrt.

Trotzdem will ich nicht jammern – oder zumindest nicht zuviel & zu lange. Bei der Premiere des Films ist die Trauer der Autoren um ihr Buch eine Tatsache, genauso real wie ihr stilles Gefühl von Größenwahn: all das wäre nicht da ohne mich!